Mit der künstlichen Aufzucht von Felchen wurde ursprünglich versucht, die hohen natürlichen Ausfallraten zu umgehen und so den Fangertrag zu steigern. Später, als unsere Gewässer wegen fehlender Abwasserreinigung stark verschmutzt waren, gelang es dank der künstlichen Aufzucht, einheimische Fischarten vor dem Aussterben zu bewahren. Heute wird die Aufzucht als Reserve für meist vom Menschen verursachte Katastrophen und zur Aufrechterhaltung eines minimalen Bestandes bei ungünstigen äusseren Bedingungen in den Gewässern betrieben.
Der erste Schritt zur künstlichen Aufzucht ist die Beschaffung der Elterntiere. Kurz vor der Fortpflanzungszeit werden in den Seen Felchen mit Netzen gefangen. Von den 5’000 bis 30’000 Nachkommen eines einzigen Felchenweibchens sterben in der Natur über 90 Prozent bereits im Eier- oder Larvenstadium und nur einzelne werden alt genug, um sich wieder fortpflanzen zu können. In der künstlichen Aufzucht überleben dagegen 70 bis 90 Prozent die empfindlichen ersten Lebensstadien.
Bei den jährlich durchgeführten Laichfischfängen arbeiten Berufsfischer und Biologen oft Hand in Hand. Diese Laichfischerei wird meistens im November durchgeführt, wobei die Erfahrung und das Gespür für den richtigen Zeitpunkt äusserst wichtig sind. Den Weibchen (Rogner) werden die Eier (Rogen) und den Männchen (Milchner) die Samenflüssigkeit (Milch) durch sanften Druck auf die Körperflanken entnommen. Nach diesem „Streifen“ werden Eier und Samen miteinander vermengt und die Eier müssen dabei immer mit sauerstoffreichem Wasser versorgt werden. Felcheneier sind nach dem Abstreifen klebrig und müssen daher täglich ein paar Mal umgerührt werden. Für diesen Vorgang eignet sich am besten eine lange und weiche Feder.
Nach der Befruchtung der Eier werden diese in Erbrütungszylindern, Zugergläsern, oder Brutsieben erbrütet. Dieser Vorgang dauert ca.10 Wochen und kann durch Regulierung der Wassertemperatur gesteuert werden. Idealerweise sollte die Wassertemperatur ca. 7 - 8 Grad Celsius betragen. Nach einiger Zeit kann das Umrühren durch eine leichte Erhöhung des Wasserdurchflusses ersetzt werden. Die Eier sind durch den von unten kommenden Wasserdruck ständig in Bewegung, verkleben nicht mehr und bekommen ausreichend Sauerstoff. Um Pilzbefall zu vermeiden müssen abgestorbene oder unbefruchtete Eier sofort entfernt werden.
Die frisch geschlüpften Felchenlarven sind kaum sichtbar, wie feine Nadeln zeichnen sie sich im klaren Wasser ab. Sie zehren in den ersten Tagen noch von ihrem Dottersack, den sie als „Notvorrat“ mit auf ihren Lebensweg erhalten haben. Bis der Dottersack aufgebraucht ist und die Brütlinge auf Nahrungssuche gehen müssen, benötigen sie schützende Schlupfwinkel. Vor Räubern sicher, werden sie in der Fischzuchtanlage in Rundtrögen angefüttert. Im Alter von wenigen Tagen beginnt für die Felchenlarven mit der ersten Nahrungsaufnahme eine Periode schnellen Wachstums. Das Futter der ersten Wochen und Monate sowie die Art und Weise, wie die Felche zu diesem gelangt, sind von grösster Bedeutung für die normale Entwicklung und das Verhalten der Fische.
Erst später werden sie selbständig und können ihre Nahrung selber suchen. In diesem Wachstumsstadium sind sie in der Natur völlig Schutzlos und allen möglichen Fressfeinden ausgeliefert. Aus diesem Grund werden die Felchenbrütlinge von den Bewirtschaftern vorgestreckt. Das Vorstrecken von Felchen in Rundtrögen (Ø 2m) bedeutet nichts anderes, als ein nach dem Schlüpfen durchgeführter Fütterungsprozess der die Fischlarven auf eine bestimmte/gewünschte Grösse wachsen lässt.
Die Felchen kommen als Brut in Rundtröge mit automatischer Fütterung und werden mit Plankton weiter aufgezogen. Diese Umstellung vom Dottersack auf Plankton ist ein kritischer Punkt bei der Aufzucht der Larven und sollte nur von einem erfahrenen Fischereimeister durchgeführt werden. Da aber auch bei aller Sorgfalt bei den Felchenbrütlingen die Ausfallquote noch relativ hoch ist, greifen die Fischereimeister gelegentlich noch ein letztes Mal helfend in den natürlichen Kreislauf ein. In speziellen, dafür geeigneten Rundbecken (Ø 4m), werden die heranwachsenden Felchen teils bis auf eine Grösse von 15cm (Sömmerling) vorgestreckt.
Aus der von jedem Weibchen abgelegten grossen Anzahl Eier entwickeln sich unter natürlichen Verhältnissen trotz Hochwasserereignissen, Futtermangel oder Feinden stets genügend geschlechtsreife Fische, die für die Arterhaltung sorgen. Übermässige Eingriffe in die Gewässerlebensräume (Kraftwerke, Verbauungen, Kiesentnahmen, Aufschüttungen, Verunreinigungen, Vergiftungen) oder in die Fischbestände (Überfischung, Masseneinfall fischfressender Vögel) wirken sich dagegen oft verheerend aus.
Früher nahm man an, dass die Zerstörung der Lebensräume unserer Fische mit dem Einsatz künstlich aufgezogener Tiere ausgeglichen werden könne. Die Förderung einiger weniger Arten sollte den Fangertrag gewünschter Speisefische sicherstellen. Die moderne Gewässerbewirtschaftung will aber in erster Linie die Lebensräume der Wasserbewohner wieder so herrichten, dass sich ein natürliches Gleichgewicht an Organismen entwickeln kann. In einem gut funktionierenden System ist auch eine angepasste Nutzung durch den Menschen durchaus vertretbar, aber nicht nur sogenannte Nutzfische, sondern alle Arten sind erhaltenswert!
geschrieben am: 15. April 2006 / RR
Quellenangaben: Ich Danke dem Kanton Bern für die Benutzung der Bilder aus der Fischzuchtanlage Ligerz!