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Schweizer Felchen


Die Geschichte der Felchen in Schweizer Seen beginnt mit dem Ende der Eiszeit. Sie sind mit der Grossen Schmelze vom Norden her bis zu den Alpen gelangt. Gegen Süden stellten sich ihnen die Alpen als unüberwindliches Hindernis entgegen. Beim Zurückgehen des Eises blieben grosse Seenbecken übrig. Diese mit Süsswasser gefüllten Seen bilden bis heute den Lebensraum unserer Felchen. Nicht alle Felchenarten der Schweiz sind natürlichen Ursprungs und einige Arten können sich bis heute nicht, oder zumindest nur teilweise, natürlich Fortpflanzen.

Bei der Zuordnung und der Herkunft der einzelnen Felchenstämme in unseren Seen wird der Versuch einer Erklärung schwierig. Ohne den Aufwand der damaligen und heutigen Forschern in keiner Weise schmälern zu wollen, weiss man heute, dass die Vielfalt der Urstämme und die heutigen Mischformen der in Schweizer Gewässer vorkommenden Felchenarten viel komplexer ist, als man in der Vergangenheit hätte Ahnen können. In der Wissenschaft wird nichts dem Zufall überlassen, schon die damaligen Fischkundigen hatten ihre eigene Systematik für die Bestimmung der einzelnen Arten, oder sie arbeiteten exakt nach den Vorgaben einer bestehenden These. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Systematiken durch viele Umbenennungen unübersichtlich. Für die grössten Verwirrungen sorgen die deutschen Artbezeichnungen, da diese von Region zu Region wechseln können. Der einzige überregionale Name ist „Coregonen“.


Bielerseefelche


Es sind mehrere Quellen zur Felche vorhanden und sie gehen bis ins Mittelalter zurück. Aus den Artefakten lässt sich deuten, dass die Felche ein sehr wichtiges Produkt für den Schweizer Fischfang war. Seine Wichtigkeit hatte die Felche auch als Handelsprodukt, sei es als Zehntenabgabe oder als Exportprodukt. Fangzeit und Methoden sowie Zubereitungsweisen werden ebenfalls in den Schriften beschrieben. In alten, von Mönchen verfassten Aufzeichnungen, wurden die Felchen Velchones genannt und der Gattung der Salmonen zugeordnet. Schenkt man der Legende des Konstanzer Bischofs Gebhard aus dem 10. Jahrhundert Glauben, ist die Felche schon seit dieser Zeit bekannt. Eine weitere gefundene Erwähnung datiert aus dem 13. Jahrhundert. In einer alten Fischereiverordnung wird der Gangfisch (kleine Schwebfelche), dazumal Ganchvisch, Gangvissche oder Gantvisch erwähnt. Die älteste Erwähnung ist im 1337 vollendeten "Schachzabelbuch" des Schweizer Benediktinermönchs Konrad von Ammenhausen zu finden.

Im Jahre 1738 trennte Artedi die Felchen unter der Gattung Coregonen ab und diese wurde 1758 von Linne in dessen Systematik (Stammbaum) übernommen, wenn auch erstmal nur als Untergruppe. Damals ging man davon aus, dass die mitteleuropäische Population der Coregonen eine einzige Spezies darstellte. Vor Linnes Zeit befassten sich Belonius (1553), Rondelet (I558), C. Gessner (I558) und der Schweizer Mangolt (1587) mit der Bestimmung und Zuordnung der einzelnen Coregonenstämme. Belonius beschrieb nur eine Felchenart, den Coregonus lavaret aus dem Genfersee. Mangolt und Gessner untersuchten die Coregonen vom Bodensee, wobei Gessner gleich sechs Arten unterscheidet. Heute bereitet das System von Gessler bei der Identifizierung der von ihm beschriebenen Arten grosse Mühe. Die Kenntnisse Gessners über die Verbreitung der Felchen in der Schweiz erscheinen recht lückenhaft, und seine Versuche, die Felchenformen der einzelnen Seen auf eine Linie zu bringen, müssen mit aller Vorsicht bewertet werden. Zu viele seiner Beschreibungen basieren auf „Hören/Sagen“ und seine Abbildungen genügen nicht, um sichere Schlüsse zu ermöglichen. 1777 verfasste der St. Galler Arzt Dr. Wartmann eine zuverlässige Beschreibung der Bodensee - Blaufelche, die ihm zu Ehren von Bloch als Coregonus wartmanni benannt worden ist. Um I8oo sind also aus der Schweiz zwei Felchenarten einigermassen präzise beschrieben:

Coregonus lavaret (Sandfelche / Bodenfelche) und die Coregonus wartmanni (Blaufelche / Schwebfelche).

Der französische Zoologe Cuvier empfand das System der Schweizer Kollegen als ungenügend, da sie sich meist nur mit den ihnen unmittelbar zugänglichen Coregonenstämmen befassten. Die Berner mit den Felchen aus dem Bieler-, Thuner- und Brienzersee, die Ostschweizer mit den Beständen aus dem Bodensee, die Zürcher mit denen aus dem Zürichsee u.s.w. Dadurch sind zwar gute Einzelbeschreibungen von lokalen Formen zustande gekommen, aber auch nicht mehr. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hielten sich die Wissenschaftler in der Hauptsache an die Namen, die der deutsche Forscher von Siebold angewendet hatte. Im 20. Jahrhundert galt der Genfer Fatio als führende Autorität auf dem Gebiet und viele beriefen sich auf seinen Aussagen. Es herrschten katastrophale Missverständnisse und Irrtümer und es wurde gestritten über Gültigkeit oder Ungültigkeit von Namen.


Bodenseefelchen


Mit diesen Systematiken, die sich den Lokalnamen eng anschloss, konnten die Forscher der folgenden Jahrzehnte nur wenig anfangen. Nach den vorliegenden Systematiken Arten einteilen zu wollen, ist ein gänzlich aussichtsloses Unterfangen. Die Vielfalt der Felchen war weitaus grösser als angenommen. Zwar schlossen sich in der Folgezeit die Schweizer Zoologen der Systematik von Fatio an (Asper, Zschokke, Heuscher, Nufer, Birrer, Schweizer, Surbeck u. v. a.), aber immer wieder ergaben sich bei der eindeutigen Bestimmung, oder dem Versuch der Zuordnung einzelner Arten, grosse Schwierigkeiten. Man fand immer weitere Formen, die sich mit dem besten Willen nicht einordnen liessen. So half man sich dann meist damit, dass man von Mischformen sprach, oder von den Auswirkungen der jahrelang betriebenen Austauschpolitik zwischen den verschiedenen Seen, die mit Eiern oder Brut in der Absicht der Blutauffrischung vorgenommen wurde.

In den dreissiger Jahren reiste der bayrische Wissenschaftler E. Wagler in die Schweiz und untersuchte die Felchenarten aus den verschiedensten Seen des Landes. Wagler war der Ansicht, es gäbe in Mitteleuropa nur vier Felchenarten, deren Charakterisierung am besten im Anschluss an Mangolt und Gessner zu erfolgen habe. Diese Grundformen sind einst auf ihrer Wanderung aus dem Norden bei uns eingetroffen und haben unsere Seen besiedelt. Es sind zwei Schwebfelchen und zwei Sandfelchen / Bodenfelchen:

1. Schwebefelchen

a) Grosse Schwebefelchen - Blaufelchen

b) Kleine Schwebefelchen – Gangfisch

2. Sandfelchen / Bodenfelchen

a) Grosse Bodenfelche - Sandfelchen

b) Kleine Bodenfelchen – Kilch


Thunerseefelchen


Unsere vielen Lokalformen, die von den Fischern der einzelnen Seegebiete mit zahlreichen Namen bezeichnet werden, sind alle in dem Sinn in diese Systematik einzureihen. Es gibt Seen, die alle vier, andere, die nur drei oder zwei, und solche, die nur eine einzige Felchenform beherbergen.

Die schweizerischen Seen haben nach der Auffassung von Wagler folgende Felchenbesiedlungen:

Bielersee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen

Brienzersee: Gangfisch, Sandfelchen

Thunersee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen, Kilch

Bodensee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen, Kilch

Untersee: Gangfisch, Sandfelchen

Walensee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen

Zürichsee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen

Pfäffikersee: Blaufelchen, Sandfelchen

Greifensee: Blaufelchen, Sandfelchen

Baldeggersee: Blaufelchen

Sempachersee: Blaufelchen

Hallwilersee: Blaufelchen

Zugersee: Blaufelchen, Sandfelchen

Vierwaldstättersee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen

Murtensee: Gangfisch, Sandfelchen

Neuenburgersee: Blaufelchen, Gangfisch, Sandfelchen

Genfersee: Gangfisch, Sandfelchen

Die von Wagler gefundene Lösung war verblüffend einfach. Mit einem Schlag werden all die Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt, die jahrhunderte lang ganze Generationen von Forschern beunruhigt haben. Sieht man allerdings die Einzelheiten etwas genauer an, so wird man bald einmal etwas unsicher. Zur Interpretation von Wagler ist zu bemerken, dass sie auf die Bodensee Arten zugeschnitten ist und auf die Felchen anderer Schweizer Seen zum Teil schlecht oder gar nicht passt.

Die Frage, ob und in welchem Masse die Einsätze fremder Coregonenarten in unsern einheimischen Beständen Geltung bekommen haben, ob sie sich rein zu erhalten vermochten, ob sie ihr Blut mit den örtlichen Formen mischten, ob wohl gar aus der Verbindung neue Rassen hervorgegangen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eines ist sicher, die wichtigsten Einsätze fremdländischer Coregonen liegen rund sechzig Jahre zurück, seither sind keine Einsätze mehr erfolgt. Die Wissenschaft ist überzeugt, da der Besatz einmalig war, dass der Einfluss sehr gering ist. Man kann deshalb davon ausgehen, dass die heutigen Coregonen in Schweizer Seen die Nachkommen unserer früheren Formen sind. Eine natürliche Artenvermischung ist aber nie auszuschliessen. Auf der einen Seite machen dies die natürlichen Wasserwege, die einzelne Seen miteinander verbinden möglich, aber auch die über Jahrzehnte in der Schweiz betriebenen Austauschaktionen von Felchen zwischen den verschiedenen Seebezirken.Als fremdländische, in die Schweizer Seen eingeführten Coregonenarten sind zu nennen:

1. Der Whitefish aus Nordamerika, Coregonus albus

Der Whitefish wurden in den Jahren 1883 – 1886 in den Bodensee, in den Zürichsee, in den Vierwaldstättersee, in den Sempacher- und Baldeggersee, in den Zuger- und Ägerisee, in den Thunersee, den Brienzersee, ferner kleine Mengen in die Seen der Lenzerheide, St. Moritz und Lac de Joux, in den Lago Maggiore und in den Genfersee eingesetzt. Alles in allem wurden etwas über 1,3 Millionen amerikanische Coregonen in Schweizer Seen eingesetzt.

2. Die nordeuropäische grosse Maräne, Coregonus marena bloch

Die grosse Maräne wurde in den Jahren 1878 - 1885 in erheblichen Mengen in verschiedene schweizerische Seen eingebracht, so in den Bodensee, in den Vierwaldstättersee, in den Lago Maggiore, in den Zürichsee, in den Sempachersee, in den Baldeggersee und in den Lac de Joux.

In dieser langen Zeit hat man vom Whitefish überhaupt nichts und von den norddeutschen Maränen nichts Zuverlässiges gehört.


Zürichseefelchen


1950 verfasste Paul Steinmann seine Erkenntnisse in seiner Doktorarbeit „Monographie der schweizerischen Koregonen“. Als er sich mit den Namen der schweizerischen Coregonen auseinandersetzte, stellte er fest, dass viele, einst verbreitete Felchennamen heute ganz verschwunden sind. Mancher Name, der sich einst auf eine bestimmte Lokalform bezog, bezeichnet heute einen anderen Schlag als früher. Da ausserdem im Laufe der letzten Jahrzehnte oft Eier und Brut aus andern Seen bezogen und eingesetzt wurden, hat es sich da und dort eingebürgert, die Namen der „Neuen“ Felchen denen anzupassen, die am Ursprungsortüblich sind.

Alte vergangene und heutige gebräuchliche Namen der Coregonen im Bielersees:

Angelin, Blaufelche oder Schwebefelche, Balaie, Balch - Pfärri, Bondelle oder Bondele, Bräter, Felche, Gangfisch, Palchen, Pfärrig, Sandfelche oder Bodenfelche

Heute sind einige Namen verloren gegangen, andere haben sich in ihrer Bedeutung geändert. Es hat sich gezeigt, dass sämtliche Versuche der Vergangenheit Licht ins Dunkle zu bringen gescheitert sind und dass durch die Systeme der einzelnen Wissenschaftler nur noch mehr Verwirrung entstand. Das ist einerseits bedauerlich, andererseits aber durchaus verständlich angesichts der Tatsache, dass die Gattung der Coregonen, wie wohl kaum eine Zweite, eine geradezu unbegrenzte Vielfalt aufweist.

Die Urfelchen - Populationen in den nach der Eiszeit entstandenen Schweizer Seen, können als Beispiel für eine geographische Isolation gesehen werden, die zur Artbildung führen kann. Daraus resultiert auch die Vielzahl lokaler Formen, die nur teilweise verschiedene echte Arten darstellen, meist jedoch Rassen / Unterarten, die sich mehr im Aussehen als in den Genen unterscheiden. Die Wissenschaft stellt noch heute fest, dass in vielen Seen mehrere unterschiedliche Arten vorkommen. Sie unterscheiden sich durch eine Vielfalt ihres Aussehen und ihrer Nahrungs- und Fortpflanzungsgewohnheiten. Wenn wir in der Schweiz von Felchen sprechen, bezeichnen wir damit „Allgemein“ unterschiedliche Formen, man kann von einem „Sammelbegriff“ sprechen. Daraus geht hervor, dass die Systematik der Felchen sich noch Heute in einem diffusen, chaotischen Zustand befindet. Man ist jedenfalls weit davon entfernt, jenen Grad von Klarheit erreicht zu haben, der es dem Laien erlauben würde, die einzelnen Arten klar zu unterscheiden.

Ob es sich bei den aktuell in schweizerischen Seen beobachteten Felchenformen um echte Arten oder um Ökotypen handelt, wird kontrovers diskutiert. Wissenschaftliche Arbeiten der letzten Jahre haben für Felchen eine sympatrische Artentstehung (Sympatrische Artbildung: ohne vorherige geographische Isolation werden einzelne Individuen schlagartig auf Grund einer Mutation von der Restpopulation isoliert) vorgeschlagen. Das bedeutet, dass Felchenseen nur durch eine einzelne Art besiedelt wurden und diese sich im Verlauf der Jahre aufgrund von ökologischen Anpassungen in verschiedene reproduktiv getrennte "Arten" aufgespaltet hat. Um diese Theorie zu überprüfen, werden diese ökologischen Anpassungen weiterhin genauer untersucht.


Auf detaillierte, wissenschaftliche Hinweise und deren Systematik zur Monographie der Coregonen in Schweizer Gewässern wurde in diesem Bericht bewusst verzichtet. Vielmehr geht es darum, den historischen Hintergrund, die Herkunft, und die Namensgebung über die „Schweizer Felchen“ aufzuzeigen.

geschrieben am: 30. Januar 2009 / RR


Quellenangaben: Dr. P. Steinmann (1950/51), „Monographie der schweizerischen Koregonen“, Pascal Vonlanthen & Ole Seehausen, „Ökologische Anpassung. Genetik und Besatz“, Verein Kulinarisches Erbe der Schweiz, „Gangfisch“


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